Moussaka, Schafsmilch-Eis und der Bann des Murakami

Der Morgen beginnt wieder mit dem wirklich grandiosen Frühstücksbuffet des Irini Mare. Ich sitze in den ersten Sonnenstrahlen unter Palmen und Olivenbäumen, direkt neben dem großen Pool. Es läuft tatsächlich meistens sehr geschmackvolle Musik hier. Ein weiterer sehr heißer Tag kündigt sich an.

Heute habe ich weniger Pläne und will mir mal anschauen, wie ein Tag in und um das Hotel sich so anfühlt. Und so lasse ich erst mal in meinen kleinen Infinity-Pool gleiten und glotze für eine Weile auf die malerische Bergkulisse am Horizont.

Kreta Tagebuch August 2015 - Mobiles Buero

Marco´s mobiles Büro

Dann ordne ich die vielen Fotos und setze mich mit einem Frappé auf die Terrasse der Rezeption, um zu schreiben. Mein mobiles Büro hat selten besser ausgesehen.

 

Kreta Tagebuch August 2015 - Moussaka

Griechische Spezialität Moussaka

Als ich nach ein paar Stunden fertig bin, meldet sich schon wieder ein kleiner Hunger. Und so schlendere ich vor zum Strand, wo es aus allen Restaurants bereits lecker riecht und die Menschen sich unter weinbewachsenen Dächern vor der Mittagshitze verstecken. Ich suche mir ein lauschiges Plätzchen im Romantica und bestelle ein Moussaka, einen Auflauf aus Auberginen, Kartoffeln und Fleisch. Sehr frisch, sehr lecker.

Danach laufe ich den Strand entlang Richtung Osten. Die Kiesel in Kombination machen das Laufen etwas beschwerlich, aber nach und nach entferne ich mich immer weiter von der Zivilisation. Die Menschen werden immer seltener, manche haben sich aus angeschwemmten Ästen kleine Unterschlüpfe gebaut und schauen aus ihnen aufs Meer. Je weiter ich von Agia Galini wegkomme, desto häufiger sehe ich Leute nackt am Strand liegen. Manche von ihnen haben mit Detailverliebheit aus Steinen und Treibgut kleine Schreine gebaut. „I love Crete“ sagen diese.

Kreta Tagebuch August 2015 - Agia Galini Steine

I love Kreta

Hinter einer weiteren Kurve finde ich ein Stück Strand, das ich komplett für mich alleine habe. Herrlich! Ich lasse die Hüllen fallen und genieße die kühle Brise. Das Wasser ist erfrischend und ich gehe ein paar Mal schwimmen.

Auf dem Rückweg entdecke ich, dass man den Weg nicht am steinigen Strand zurücklegen muss, sondern auch auf einem ausgetrampelten Pfad entlang der Felsen gehen kann. Gut zu wissen.

Als ich wieder das Hotel erreiche, bin ich ganz schön frittiert. Mann, ist das heiß heute! Da mir mein kleiner Fiat Panda fast leidtut, wie er da so ungenutzt herumsteht, mache ich wenigstens eine kleine Fahrt rüber zum Hafen von Agia Galini.

Die Krise und die Touristen

Ich setze mich ins Kafeneo Elpida für einen Frappé. Der nette Wirt sieht, dass mir die Hitze zu schaffen macht, und füllt mein Wasserglas ständig wieder auf. Ich frage ihn, ob er die Krise merken kann. Oh ja, sagt er. Bis vor ein paar Wochen war es doch ungewöhnlich ruhig in Agia Galini. Jetzt jedoch sind alle Hotels belegt. Ich frage mich, ob das direkt mit der Berichterstattung in den deutschen Medien zusammenhängt. Bis vor kurzem hat man ja im Grunde nichts Anderes als Griechenland-Krise gehört. Seit dem Referendum jedoch hört man irgendwie gar nichts mehr. Und offenbar scheint das genau der Zeitpunkt zu sein, an dem sich die Lage hier etwas entspannt hat. Der Wirt gibt jedoch zu bedenken, dass nicht nur die deutschen Touristen ausgeblieben sind, sondern im Grunde alle Europäer.

Kreta Tagebuch August 2015 - Eis aus Schafsmilch

Eis aus Schafsmilch

Ein Schild hat mich neugierig gemacht. Ich bestelle ein Eis aus Schafsmilch. der Wirt empfiehlt die Sorte Kantaifi, eine kretische Süßigkeit. Es ist sein Lieblingseis. und tatsächlich könnte es auch meines werden. Der Wirt lädt mich ein, mein Eis doch noch bei ihm zu verzehren. Ich denke, es ist gut für sein Geschäft, wenn jemand davor sitzt, und ich tue ihm den Gefallen. Es hat sich ohnehin eine angenehme Gemächlichkeit eingeschlichen.

Als der Spätnachmittag etwas kühler wird, füllen sich die kleinen Gassen mit den Holzstühlen. Wie schon am Abend zuvor bin ich überrascht, auch einige amerikanische und sogar asiatische Touristen zu sehen.

Langsam laufe ich durch die engen, schilderbehangenen Gassen vor zum Amphitheater am Hang. Von hier hat man einen tollen Blick übers Dorf.

Kreta Tagebuch August 2015 - Icarus und Dedalos

Ikarus und Dedalol

Die griechische Mythologie besagt, dass genau von hier aus Ikarus und Dedalos mit ihren selbstgebauten Schwingen in den Himmel flogen. Und so schmücken zwei Statuen den Fels vor dem Amphitheater.

Nun entdecke ich auch das Onar, das mir ein befreundeter Blogger ans Herz gelegt hat, als er auf Instagram sah, dass ich mich in Agia Galini aufhalte. Angeblich ist das Onar die beste Taverne der Stadt. Das muss ich gleich mal verifizieren.

Doch zuvor habe ich noch ein kleines Experiment geplant. Da ich ja nun gesehen habe, dass die Tankstellen offen, die Läden voller Produkte, und die Menschen sehr gastfreundlich sind, gilt es nur noch ein Bedenken auszuräumen, das deutsche Urlauber momentan haben könnten: Geldautomaten. Und tatsächlich funktioniert das Geldabheben so problemlos wie überall sonst. Mission accomplished!

Auch das Essen im Hotel ist lecker!

Ich belohne mich mit einem Ouzo im Onar, hoch über den Dächern von Agia Galini, wo eine sanfte Brise weht. Das Essen will ich schon auch noch testen, aber heute möchte ich wenigstens ein Mal die Halbpension in meinem Hotel nutzen.

Zurück im Osten der Bucht laufe ich noch kurz den Hang hinter dem Hotel hinauf. Hier im Hinterland sind die Grillen noch mal etwas lauter. Die Gegend ist bewachsen mit Olivenbäume und Oregano, wilde Ziegen suchen in der kargen Landschaft nach etwas Essbarem. Von hier hat man wirklich einen sagenhaften Ausblick über die Bucht.

Nach einem weiteren Bad in meinem Pool, werfe ich mich in Schale und stelle mich den anderen Gästen am Dinner-Buffet. Tatsächlich gibt es auch hier sehr leckere Sachen. Besonders gut gefällt mir ein Muschel-Reis-Salat, das mit Knoblauch angereicherte Olivenöl auf rustikalem Brot sowie die Seezunge in Tomatensauce. Schon bald bin ich völlig rund gefressen. Das passiert mir aber auch immer wieder, wenn ein Buffet zum Schlemmen verlockt.

An der Rezeption wühle ich mich durch einen Stapel Bücher, den Touristen zurückgelassen haben. Wie so oft auf Reisen bin ich überrascht davon, was die Leute doch für einen Schund lesen, sobald sie mal Urlaub haben. Doch ganz tief unten finde ich noch einen Roman von Murakami und ziehe mich mit diesem auf meine Terrasse zurück. Ganz wie erwartet bin ich schon Minuten später in eine fremde Welt eingesaugt worden.

Als die Sonne dann ganz versunken ist, reitet mich doch noch mal der Teufel. Für die Bewertung des örtlichen Nachtlebens fehlen mir noch ein paar Erlebnisse, und so laufe ich noch mal runter zur Hotelbar.

Für 22 Uhr finden sich noch erstaunlich viele Kinder im Garten. Diese werden hier offenbar rund um die Uhr von einer Handvoll Animateure bespasst, wofür die Eltern sicherlich sehr dankbar sind. Doch an der Bar sitzen leider nur ein paar Teenager, die in ihre Tablets vertieft sind.

Kreta Tagebuch August 2015 - Minigolf Karolos

Minigolf-Platz von Karolos

Und so laufe ich noch einmal das kurze Stück in der Dunkelheit zum Minigolf-Platz von Karolos, dessen Musikanalge man auch heute schon von weitem hören kann.  Als ich die Bar erreiche, merke ich sofort, dass Karolos und sein Kollege schon seit einer Weile am Bechern sind. Man versteht kaum sein eigenes Wort, so laut haben sie den Greek Pop gedreht, der im Grunde genauso klingt wie Chalga in Bulgarien. Karolos lächelt seltsamerweise nicht wie beim letzten Mal und versucht mir im Lärm etwas zu sagen. Erst beim dritten Versuch verstehe ich, dass ich offenbar beim letzten Mal mein Bier nicht bezahlt habe. Obwohl ich das nicht ganz glauben kann, stecke ich ihm ein Trinkgeld zu und entschuldige mich aufrichtig. Schnell ist sein Grinsen zurück und ich habe einen Raki vor mir stehen.

Say Hi to Angela!

Leider bleibt es nicht bei dem einen. Er und sein Kollege Niklas kippen die Dinger im Akkord und ich bekomme nun jedes Mal ebenfalls einen. So war das nicht geplant…

Niklas ist aus Münster und kommt schon sein ganzes junges Leben lang nach Agia Galini. Für ihn ist es einfach der beste Ort für einen Urlaub. Er spricht ein wenig Griechisch, kennt hier jeden, und hilft Karolos oft an der Bar. Ob man die Krise spüre? Na klar! Heute etwa war immerhin Sonntag und da sollte der Strand eigentlich aus allen Nähten platzen. Heute aber war es fast gespenstisch ruhig. Er sagt mir jedoch, dass Kreta die reichste Insel Griechenlands ist und die Folgen der Krise sich daher in Grenzen halten. In Athen hingegen ist es so schlimm, dass Familien nicht selten ihre Kinder vorübergehend in Heime geben, da sie sie selbst nicht mehr ernähren können. Auch Karolos hat die letzten Wochen jemanden aus Athen bei sich aufgenommen, der nicht mal mehr Geld für seine Miete hatte.

Ressentiments gibt es jedoch nicht, sagt Niklas. Dafür ist den Leuten hier auch einfach zu klar, dass gerade die deutschen Touristen eine extrem wichtige Einnahmequelle sind. Aber generell können die Leute schon ganz gut einordnen, dass Herr Mustermann mit seiner Familie an der deutschen Krisenpolitik keine Schuld trägt. Ein Bekannter von Karolos jedoch kauft seit ein paar Monaten bewusst keine Produkte aus Deutschland mehr. Er ersetzt sie durch einheimische Produkte, um die einheimische Wirtschaft zu stärken. Wer kann es ihm verdenken?

Niklas will mir eine echte ‚griechische Nacht‘ bieten, doch ich muss leider passen. Ich habe für morgen zu viel auf der Liste, um verkatert zu sein. Er lacht und sagt, dass das vermutlich eine vernünftige Entscheidung ist. „Der letzte Typ, den wir mitgenommen haben, hatte drei Tage lang zu knabbern!“

Nach ein paar weiteren Schnäpsen gesellen sich noch mehr Menschen hinzu. Polidoros arbeitet als Masseur und hat einen kleinen Laden im Dorf. Er ist sehr froh, dass es in Agia Galini viele Gäste gibt, die schon seit Jahren herkommen. Denn die wissen, was sie hier erwartet, und lassen sich auch von Schreckensmeldungen nicht abhalten. Und doch merkt er selbst die Krise recht deutlich. Doch auch er sagt mir, dass sich die Menschen hier im Dorf gegenseitig unterstützen – anders als etwa in Athen, wo die Lage echt schlimm sein muss.

Die schöne Rula arbeitet seit Jahren im Tourismus-Bereich und gratuliert mir dazu, nach Agia Galini gekommen zu sein. Ich könne mir gar nicht vorstellen, was für ein komplett anderes Erlebnis der Norden Kretas sei. Hier jedenfalls ist die Welt noch in Ordnung und das Essen noch gut. Da könne man auch darüber hinwegsehen, dass man hier viel weniger Geld verdiene als in den Touristenburgen im Norden.

„It’s not all about the money!“

Darauf ein Yamas!

Als ich vom Pinkeln wiederkomme, ist Rulas Freund Jannis aufgetaucht. Er ist ziemlich angetrunken und nicht so wahnsinnig begeistert, mich kennenzulernen. Er ist sauer auf Angela Merkel, aber vermutlich auch ein wenig sauer darauf, dass ich gerade eine halbe Stunde mit seiner hübschen Freundin gequatscht habe. Ich merke, dass ich nun besser gehen sollte. Jannis und Rula fahren nach Rethimnon. Niklas und die Anderen gehen noch auf ein Gyros Pita ins Dorf. Ich mache mich auf in Richtung Bettchen.

„Say hi to Angela“

…..ruft mir Jannis spöttisch aus dem Auto zu, bevor er die Reifen durchdrehen lässt. Mach ich, Jannis!

Gastautor: Marco Buch vom Blog Life is a trip