Agios Pavlos, eine Berlinerin und Haus-Kauf im Raki-Rausch

Ich erwache früh und bin so einer der Ersten am riesigen Frühstücksbuffet. Es gibt eine Ecke mit kretischen Spezialitäten und dort tobe ich mich zuerst aus. Joghurt mit Honig und Walnüssen, Halva, verschiedene Käsesorten, Oliven. Ein anderer Gast weist mich auf das Tomatenpüree hin, das wohl auf Toast und kombiniert mit weichem Schafskäse sehr delikat ist. Ich teste das sofort und er hat Recht!

Ich hatte schon von den vielen Katzen gelesen, die hier Tag für Tag im Hotel vorbeikommen. Und tatsächlich bin ich beim Frühstück von ein paar Katzenbabies umgeben, die recht dreist sind. Kaum habe ich einmal nicht hingesehen, sitzt das eine Katzenjunge auch schon auf meinem Tisch und schlürft die Milch für meinen Kaffee.

Die nächsten Stunden sitze ich an meinem kleinen Privatpool und fasse meine Erlebnisse zusammen. Dann springe ich wieder in meinen Fiat Panda, der nun schon deutlich staubiger aussieht als gestern.

Kreta Tagebuch August 2015 - Agia Galini

Agia Galini – Blick aufs Meer

Es geht zurück ins kleine Zentrum von Agia Galini, da ich noch Sonnencreme brauche, und den Hafen gerne auch mal bei Tag sehen möchte. Das Dörfchen, geschickt an den Hang gebaut, hat wirklich Charme. Es gibt viele kleine Cafés und Souvenirgeschäfte mit handgemachten Produkten. Alles ist bunt und überall lassen sich raffinierte Details entdecken.

Kreta Tagebuch August 2015 - Agia Galini Fischer

Fischer am Hafen

Ich trinke eine Cola und beobachte einen Fischer beim Zusammenlegen seines Netzes. Seine routinierten Bewegungen in der Mittagshitze haben etwas wirklich Andächtiges. Agia Galini bedeutet übrigens ‚Heilige Stille‘. Es gefällt mir wirklich gut hier.

Dann komme ich mit dem Kellner vom Restaurant Tatso Mondo ins Gespräch. Als ich ihm von der Kampagne #DaumenHochFürGriechenland erzähle, ist er begeistert. Er versteht gar nicht, wie die Deutschen denken können, dass man sie hier nicht mehr mag.

„It’s just politics!“

Kreta Tagebuch August 2015 - Agia Galini Tatso Mondo

Taverne Tatso Mondo

Er stellt jedoch fest, dass es dieses Jahr deutlich weniger Gäste gibt als in den Vorjahren. Aber wirklich schlimm sind die Einbrüche noch nicht.

Weg vom Strand in einer andere Welt

Diesmal führt mich mein Weg in Richtung Nordwesten. Schon kurz hinter Agia Galini geht es steil in die Berge hoch. Nachdem ich mich kurz verfahre, arbeite ich mich langsam die alpinen Straßen hoch und runter. Es gibt kaum Verkehr und die vielen Kurven machen einen Heidenspaß. Doch ich sollte mich zügeln. An mehreren Stellen sind Teilstücke der Straße von einem Regen weggewaschen oder große Felsbrocken liegen mitten auf der Fahrbahn.

Kreta Tagebuch August 2015 - Friedhof

Friedhof in den Bergen von Kreta

Die Ausblicke allerdings sind fantastisch. Auch toll sind die kleinen Dörfer hoch in den Bergen. Hier scheint die Zeit wirklich stillzustehen. Die Menschen sitzen am Straßenrand zusammen, reden wenig und beobachten, was im Dörfchen so vor sich geht. So weit ich das beurteilen kann, ist das nicht viel. Im Zentrum der Dörfer findet sich meist eine kleine, malerische Kirche. An den Ortsausgängen liegen oft Friedhöfe, die ebenfalls sehr idyllisch wirken und in der August-Sonne nur so flirren.

Manche der Straßen werden zwischen den Häusern dermaßen eng, dass sie selbst für den winzigen Panda zur Herausforderung werden.

Laut Karte sind es nicht viele Kilometer nach Agios Pavlos, und doch bin ich ganz schön lange unterwegs. Das liegt zum Einen an den vielen Bergen, die es auf der Strecke zu überwinden gilt, zum Anderen aber auch daran, dass ich immer mal wieder den falschen Weg nehme. Über lange Strecken bin ich allein auf weiter Flur. Es ist herrlich.

Kreta Tagebuch August 2015 - Libysches Meer

Blick auf das Libysche Meer

An einem Aussichtspunkt mit tollem Blick übers Libysche Meer parkt ein Opel mit Berliner Kennzeichen.

Er gehört einer älteren Dame, die hier auf Kreta lebt und gerade mit ihren zwei Enkelinnen und drei Hunden die Insel besichtigt. Sie erzählt mir, dass sie die Strecke Berlin-Kreta zwei mal im Jahr fährt, allerdings schon ab Italien eine Fähre nimmt. Ob man die Krise auf Kreta denn spüre? Sie sagt, dass es hier viele Selbstversorger gibt und dass Nachbarschaftshilfe noch einen ganz anderen Stellenwert hat. Da sie schon so viele Jahre herkommt, gilt das tatsächlich auch für sie. Und so trifft die Krise die Landbewohner nicht ganz so hart wie die Städter. Sie versteht jedenfalls nicht, warum genau jetzt viele Menschen nicht mehr herkommen, wo das den Griechen doch so helfen könnte. Als sich die Nachrichten Anfang des Jahres zuspitzten, hat sie direkt alles zusammengepackt und ist schon Monate vor der geplanten Zeit hier runter gefahren.

Kreta Tagebuch August 2015 - Agios Pavlos

Strand von Agios Pavlos

Agios Pavlos ist eine hübsche Bucht mit Bastschirmen. Im klaren Wasser dümpelt ein kleines Boot. Menschen springen von den Felsen, die immer mal wieder hervorstehen, ins kühle Nass.

Von Agios Pavlos nach Triopetra

Am Rand der Bucht gibt eine kleine Taverne, in der ein Live-Album von Sade läuft. Ich habe wohl noch nie einen Ort erlebt, wo ihre Musik dermaßen gut hinpasst. Alle Gäste wirken tiefenentspannt. Im Schatten auf der Terrasse döst ein weißer Pitbull. Ich möchte nun unbedingt ein Gyros Pita essen, doch leider hat der Kellner nur Sandwiches im Angebot. Er klopft mir entschuldigend auf die Schulter. Und so trinke ich nur schnell etwas, bevor ich mich weiter die Küste rauf mache. Der Kellner ermahnt mich noch dazu langsam zu fahren.

Die Straßen werden nun noch mal etwas schlechter. Besonders an den Rändern muss man aufpassen, da es keine Absperrung gibt und es nicht selten steil den Hang hinuntergeht. Vermutlich würde mein fast kugelförmiger Panda bis ins Meer hinunterrollen. Ich tue es den Einheimischen gleich und hupe vor den unübersichtlichen Kurven, um den Gegenverkehr zu warnen.

Kreta Tagebuch August 2015 - Strand vor Triopetra

Strand vor Triopetra

Vor Triopetra entdecke ich einen tollen Strand, an dem es fast keine Menschen gibt. Um ihn zu erreichen, muss man sein Auto an der Straße abstellen und ein paar hundert Meter durch die Steppe laufen.

Triopetra selbst ist etwas offener geschnitten als Agios Pavlos, aber auch sehr hübsch. Hier im Süden der Insel weiß man offenbar, wie man solche idyllischen Orte nicht verunstaltet. Besonders die Taverne Apanemia ist sehr einladend. Und beim Blick in die Karte ist meine Lust auf ein profanes Gyros Pita auch sofort verschwunden. Denn es gibt Octopus in Wein und diese kretische Spezialität wollte ich schon die ganze Zeit probieren!

Kreta Tagebuch August 2015 - Octopus in Wein

Octopus in Wein

Der Octopus ist vorzüglich, wennngleich etwas zu lange gebraten. Das rustikale Brot mit kretischem Olivenöl ist die ehrlichste Beilage, die man sich wünschen kann. Dazu ein eiskaltes Mythos-Bier und es geht mir wieder gut. Ich überlege kurz, ob ich hier endlich schwimmen gehen soll, aber ich habe noch immer zwei Ziele auf der Liste.

Wandern und Baden bei Preveli

Noch einmal fahre ich knapp eine Stunde lang hauptsächlich Kurven. Der Panda knistert schon verdächtig, wenn ich ihn mal wieder kurz abstelle, um ein Foto zu schießen. Was im Grunde fast an jeder Ecke der Fall ist. Die letzten Kilometer führen durch eine beeindruckende Schlucht. Die Felswände gehen zu beiden Seite steil nach oben, Schilder warnen vor Steinschlag.

Kurz vor Preveli halte ich an einer idyllischen Taverne für einen Frappé. Die Taverna Gefira ist direkt am glasklaren Fluss gelegen, über den genau hier eine uralte Brücke führt. Eine gealterte Aussteigerin verkauft an einem kleinen Stand selbstgemachten Schmuck, im Schatten der Bäume dösen Enten und Gänse. Hier ist es so gemütlich, dass ich fast bleiben möchte. Aber dafür ist keine Zeit.

Kreta Tagebuch August 2015 - Kloster Preveli

Kloster von Preveli

Noch ein paar wenige Kilometer den Berg rauf und ich erreiche endlich das Kloster von Preveli. Dieses ist architektonisch schon ein echter Hingucker, liegt aber zu allem Überfluss auch noch an einem wundervoll malerischen Hang. Mein Blick schweift über den Klosterzoo auf das in der Sonne funkelnde Meer. In der brütenden Hitze durchstreife ich das Gelände, während aus der offenen Tür der Kapelle leise der Gesang der Mönche dringt.

Ich fahre wieder ein kleines Stück zurück und freue mich auf mein nächstes Ziel, das mir bei meinen Recherchen gleich ins Auge gestochen ist: Der Palmenwald von Preveli.

Kreta Tagebuch August 2015 - Preveli Palmenwald

Palmenwald bei Preveli

Oben am Hügel parke ich, dann geht es über einen langen Schotterweg zu Fuß nach unten. Da es gerade angefangen hat, ein paar dicke Tropfen zu regnen, machen sich viele der Touristen gerade auf den Rückweg, was für mich ja nur gut sein kann.

Der Blick von den Felsen hinunter auf den Palmenwald ist noch toller als die Fotos, die ich gesehen habe. Er mutet fast wie eine Oase an in dieser rauen, unwirtlichen Umgebung.

Der Strand selbst ist erstaunlich voll, was aber auch an den vielen Besuchern liegt, die mit den großen gelben Ausflugsbooten kommen. Ich bin ohnehin noch in Wanderstimmung und so laufe ich unter den Palmen einen kleinen Pfad den Fluss entlang. An vielen Ecken schwimmen die Leute im sauberen Wasser, manche haben sich ein Tageslager an den Felsen aufgeschlagen. Mann, ist das hübsch hier!

In einer versteckten Ecke schlüpfe ich in meine Badehose und laufe zurück zum Strand. Nun ist es endlich Zeit für ein Bad im Meer! Das Wasser hat genau die richtige Temperatur, erfrischend, aber nicht kalt. Und es ist erstaunlich sauber.

Zurück am Strand treffe ich eine Schar Gänse. Diese machen jedoch schnell klar, dass sie nicht fotografiert werden wollen, und jagen mich mit ihren Schnäbeln.

Zurück nach Agia Galini und rein ins Nachtleben

Nach einem Snack in der kleinen Strandbar kraxele ich wieder den Hügel hinauf. Über das malerische Bergdorf Spili fahre ich zurück nach Agia Galini. Unterwegs gibt es eine Umleitung, da der letzte Regen ein ganzes Stück der Straße weggespült hat. Auf der schmaleren Umgehungsstraße treffe ich einen vom Wetter gegerbten Schäfer mit seiner Herde. Die ganze Gegend ist von Oregano bewachsen und so duftet alles wie ein einziger Gewürzschrank.

Zum Sonnenuntergang setze ich mich auf die Terrasse des Irini Mare, die einen tollen Ausblick auf die Bucht von Agia Galini bietet. Ich lerne Josi und Tobi aus Bamberg kennen. Sie sind zum ersten Mal in Griechenland und absolut begeistert von der kretischen Gastfreundschaft. Tatsächlich haben sie sich eine Menge Bargeld mitgebracht, da sie im Vorfeld gehört haben, dass man an den Geldautomaten nichts ausbezahlt bekommt. Ich empfehle ihnen einen Besuch in Preveli, aber die Beiden wollen einfach nur am Strand liegen, gut essen und Katzen fotografieren. Sie scheinen wunschlos glücklich.

Kreta_Ouzeria

Ouzeria in Agia Galini

Ich mache mich kurz frisch und laufe dann entlang der Promenade ins Dorf. Authentisch griechisch setze ich mich in eine Ouzeria, wo man zu einem großen Glas des köstlichen Anis-Getränks immer einen Teller mit kleinen griechischen Snacks bekommt. Die Tomaten schmecken wahnsinnig saftig, der Schafskäse schmilzt auf der Zunge. Der Ouzo versetzt mich in eine euphorische Stimmung, neben mir sitzen ein paar alte Griechen und trinken schwarzen Kaffee. Als ich den Kellner des Cafeneo Jordanis um die Rechnung bitte, muss ich kurz staunen. Ein Teller Köstlichkeiten und ein großer Ouzo für sage und schreibe 2,50 Euro!

Kreta Tagebuch August 2015 - Agia Galini Souvenir

Souvenirs in Agia Galini

Ich schlendere durch den Ort, der wirklich erst abends zum Leben zu erwachen scheint. Es herrscht ein tolles Ambiente. Touristen bestaunen Schmuck, Töpferwaren und Klamotten. Die Einheimischen sitzen auf Holzstühlen vor ihren Türen und betrachten wohlwollend das Geschehen. Aus manchen Läden dringt griechische Musik. An den Laternenpfählen sind Todesanzeigen angeschlagen – ein Phänomen, das man in ganz Südosteuropa vorfindet.

Ein paar Läden weiter komme ich doch noch zu meinem Gyros Pita und er ist köstlich. Der Kellner kommt mehrmals, um meinen Tisch zu fixieren, der etwas wackelt. Wieder habe ich das Gefühl, dass man hier alles tut, um den Gästen eine gute Zeit zu garantieren.

Ein Blick auf Tripadvisor sagt mir, dass in der Blue Bar die beste Musik gespielt wird. Das kann ich mir nicht entgehen lassen.

Heinz, der Besitzer der Blue Bar, ist selbst Musiker und kommt aus dem Rheinland. Er ist ein netter, langhaariger Typ, der mich zunächst mal vor übermäßigem Raki-Genuss warnt. „Ich habe in den frühen 80ern im Raki-Rausch per Handschlag ein Haus gekauft. Und siehste, jetzt habe ich diese Bar schon seit 25 Jahren!“ So richtig unglücklich scheint er mir mit der Entscheidung nicht.

Kreta Tagebuch August 2015 - Agia-Galini Blue Bar

Blue Bar in Agia Galini

Heinz sagt, dass dieses Jahr wirklich ein schlechtes ist. Erst vor ein paar Tagen hat es sich wenigstens ein bißchen gefüllt in Agia Galini, davor war es wie ausgestorben. Dabei können die Touristen alles haben, was sie sonst auch bekommen. Er sieht überhaupt keine Einschränkungen. Seiner Meinung nach sollten die Menschen nicht so viel auf die Meinungsmache der Medien hören. Spricht’s, und legt wieder einen Klassiker aus den goldenen Jahren der Musik auf. Fotos von Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison zieren die Wand.

Neben mir sitzt Spiros, der lange in Deutschland gelebt hat und hier ebenfalls eine Bar hat. Er schwärmt viel von früher, als Orte wie etwa Preveli noch völlig unzugänglich waren. Und doch gefällt es ihm auch nach all den Jahren hier noch sehr gut. Er sagt, dass viele Besucher sich in Agia Galini schon nach wenigen Momenten wie zu Hause fühlen. Gefragt nach Einschränkungen durch die Krise erzählt er mir, dass das Limit beim Geldabheben immer nur für die Griechen galt. Touristen konnten zu jeder Zeit so viel abheben, wie sie wollten. Er wünschte, es würden noch mehr Leute wie ich kommen, die dann zu Hause davon erzählen können, wie toll es hier ist. Ein paar Besucher mehr könnten wirklich nicht schaden.

Wir hören Rock-Klassiker und Heinz zeigt mir ein verblichenes Foto, auf dem er, die Gitarre in der Hand, aussieht wie Frank Zappa. Die Gäste scheinen alle alte Freunde zu sein und so ist die Stimmung sehr familiär. Zum Abschied spendiert er mir einen Raki.

Auf dem Rückweg komme ich am Restaurant Lava vorbei, in dem Live-Musik gespielt wird. Der Sänger prostet zwischen den Liedern dem Publikum zu, das aus Touristen und Einheimischen besteht: „Yamas!“ Dann schnappt er sich wieder seine kleine Geige und spielt wahrlich herzzerreißende traditionelle Lieder. Eine Mutter tanzt mit ihrer Tochter vor den beiden Musikern. Im Hintergrund zirpen die Grillen. Der Kellner bringt mir ungefragt und lächelnd einen Teller mit großen, saftigen Melonenstücken.

„On the house, my friend!“

So viel zur Gastfreundschaft.

Leicht angeschlagen, aber sehr glücklich schlendere ich durch die warme Nacht zurück zu meinem Hotel. Fast wünschte ich mir, ich hätte im Raki-Rausch ein Haus gekauft!

Gastautor: Marco Buch vom Blog Life is a trip